Wut im Bauch: The Dream Syndicate und Filthy Friends

Verrückte Welt

Berlin (dpa) - Politische und sozialkritische Texte haben im US-Indierock Konjunktur, seit Donald Trump 2016 zum Präsidenten gewählt wurde. Auch an den beiden prominent besetzten Bands The Dream Syndicate und Filthy Friends sind diese zweieinhalb Jahre nicht spurlos vorüber gegangen.

Der legendäre Garagenrocker Steve Wynn, Leitfigur des «Paisley Underground» der 80er und Frontmann von THE DREAM SYNDICATE, will sich zu Trump-Zeiten nicht locker machen. Das neue Album der vor einigen Jahren - mit großem Erfolg bei Fans und Kritikern - wiedervereinigten Band heißt «These Times» (Anti-/Indigo). Und genau darum geht es Wynn: «Diese Zeiten. Das ist es doch. Das ist alles, worüber wir derzeit sprechen, alles, worüber wir nachdenken. Mann kann der existenziellen Panik einer Welt, die schnell irgendwohin rast, nicht entkommen.»

Die sensationelle Restart-Platte «How Did I Find Myself Here» (2017) klang fast noch wütender, die Gitarren noch rauer, die Songs noch energiegeladener. Das lag wohl auch an der Euphorie des Neubeginns nach rund 30 Jahren. «Es ist ein lautes, ein wildes Album. Bewusstseinserweiternd im besten Sinne, eine Droge ohne Drogen», sagte der inzwischen 59-jährige Wynn damals im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

«These Times» sei nun eher eine Platte für die Zeit um 2 Uhr morgens als - wie der Vorgänger - 22 Uhr abends, sie lasse den Hörer in Träume wegdriften, heißt es in der Label-PR. Ein hochgradig psychedelisches Werk, mit ruhigen Passagen und Doors-Reminiszenzen, aber auch mit grandiosen Uptempo-Ausbrüchen.

Wynn singt und raunt seine - dem Grundthema angemessen - oft düsteren Texte: «The whole world's watching», mahnt er in einem ebenso betitelten Song seine US-Landsleute, ehe in «Space Age» wieder verzerrte Gitarren die Oberhand gewinnen. Die Dringlichkeit dieser zehn neuen Dream-Syndicate-Lieder steht außer Frage. Und von Wynns klugen Texten mal ganz abgesehen: Ein so starkes Rock-Album muss man nach 35 Jahren im Business erstmal hinbekommen. Chapeau, Steve!

Die personelle Verbindung von The Dream Syndicate zu FILTHY FRIENDS heißt Linda Pitmon - die Ehefrau von Steve Wynn ist jetzt Schlagzeugerin bei der neuen «Supergroup» des US-Indierock. Daneben treten an: Corin Tucker (Sleater-Kinney) als Leadsängerin, Peter Buck (früher R.E.M., The Minus 5) als Leadgitarrist, Scott McCaughey (früher R.E.M., The Minus 5) an Keyboards, Bass und Gitarre, sowie Kurt Bloch (Fastbacks, Young Fresh Fellows) an der Rhythmusgitarre.

Eine fantastische Besetzung also, die es auf «Emerald Valley» (Kill Rock Stars/Redeye/H’ART) ordentlich krachen lässt - mit kernig-melodischem Gitarrenrock, der einer gewissen Punk-Attitüde und politischer Widerspenstigkeit nicht entbehrt. Auch Tucker singt einmal «The world is watching» - die Fassungslosigkeit über Trumps Präsidentschaft ist auch hier deutlich zu spüren.

Nach dem eindrucksvollen Debüt «Invitation» (2017), das viele Experten für eine einmalige Angelegenheit von anderweitig beschäftigten Rock-Promis gehalten hatten, überrascht die relative Langlebigkeit des Projekts Filthy Friends. Individuelle Stärken greifen in dieser neuen Konstellation offenkundig perfekt ineinander. Die Band spricht in ihren Texten wachsende Besorgnis über Ölförderung oder Einkommensungleichheit an - zwei von vielen Themen, über die sich US-Linke und -Liberale derzeit erregen.

Konzerte The Dream Syndicate: 15.10. Hamburg, 16.10. Berlin

Konzert Filthy Friends: 27.5. Berlin

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