
Olympische Winterspiele
Cortina d'Ampezzo (dpa) - Lindsey Vonn wäre nicht Lindsey Vonn, hielte nicht auch die letzte Etappe ihrer bemerkenswerten Reise noch so manches Drama parat. Die Ski-Königin ist zurück an ihrem Sehnsuchtsort. In Cortina d'Ampezzo, wo sie so viele prägende Erlebnisse hatte und niemand so oft gewonnen hat wie sie, will die Amerikanerin ihre ohnehin schon schillernde Karriere endgültig veredeln. Vonn könnte der ganz große Star dieser Olympischen Winterspiele in Italien werden. Vorausgesetzt, das Knie hält.
Heftiger Sturz am vergangenen Freitag
Sie gebe ihr «Bestes» hatte die 41-Jährige nach ihrem Sturz im schweizerischen Crans-Montana zuletzt wissen lassen. Die Ski-Welt hatte den Atem angehalten, als die langjährige Speed-Queen in der letzten Abfahrt vor den Spielen vom 6. bis 22. Februar zu Fall gekommen und in ein Fangnetz gerauscht war. Vonn war zwar noch auf Skiern ins Ziel gerutscht, anschließend aber per Helikopter abtransportiert worden. Sie sei am linken Knie verletzt, teilte sie mit. Wie schwer, ließ sie offen.
Genug Stoff für die nächste mögliche Heldinnen-Story lieferten die Bilder auch so. Vonn, die Kämpferin. Schlägt sie nach ihrem famosen Weltcup-Comeback nun ein weiteres Mal zurück? Auf der größten Bühne des Weltsports. Hält das Knie, ist sie in der Olympia-Abfahrt am Sonntag (11.30 Uhr) die große Favoritin.
Speed-Queen überstrahlt sogar Shiffrin
Zwölf Siege hat Vonn in Cortina d'Ampezzo bereits gefeiert. Als sie sich im Januar 2002 zum ersten Mal im Weltcup die berühmte Piste Olimpia delle Tofane hinunterwagte, war so manche ihrer heutigen Konkurrentinnen wie die deutsche Hoffnungsträgerin Emma Aicher (22) noch gar nicht geboren.
2004 raste Vonn als Drittplatzierte bei der Abfahrt in den Dolomiten erstmals auf das Podest. Ein einschneidendes Erlebnis, wie sie berichtete. Ab da sei sie wirklich überzeugt gewesen, mit den Besten der Welt mitfahren zu können - und wurde für lange Zeit selbst die Beste. Olympia-Gold 2010 in Kanada, zwei WM-Titel, vier Gesamtweltcup-Siege - Vonn, die Dominatorin.
Ihre bislang 84 Weltcup-Erfolge wurden von Landsfrau Mikaela Shiffrin (108) zwar übertroffen. Ihre Strahlkraft aber nicht. Vonn, der Superstar. Mehr als 2,5 Millionen Follower bei Instagram, hoch dotierte Werbeverträge, eine Titelgeschichte im «Time»-Magazin. Vonn elektrisiert. Und sie polarisiert.
Neureuther schwärmt von der «Göttin»
Als sie im Dezember 2024 nach fast sechs Jahren Pause in den Weltcup zurückkehrte, musste die Amerikanerin viel - und von so manchem Experten durchaus grenzwertige - Kritik einstecken. Belastend sei das gewesen, erklärte Vonn. Aber auch ein Ansporn. Spätestens als sie im letzten Rennen der Vorsaison in Sun Valley Zweite wurde, war klar: Die Speed-Queen ist zurück.
Und wie. In diesem Winter präsentierte sich Vonn, zu deren Trainerstab auch der frühere norwegische Topfahrer Aksel Lund Svindal gehört, bislang in bestechender Form. In Abfahrt und Super-G raste sie zu zwei Siegen und fünf weiteren Podestplätzen. Sie sei eine «Göttin», entfuhr es dem begeisterten Ex-Skistar Felix Neureuther nach Vonns Triumphfahrt in St. Moritz Mitte Dezember.
Fünfte Winterspiele für Vonn
Nun, kurz vor der Eröffnung der Spiele am Freitag, also der Rückschlag. Die in ihrer Karriere von vielen Verletzungen geplagte Vonn fährt ja ohnehin schon mit einer Teilprothese im Knie. Dem rechten allerdings. Diesmal geht's ums linke. Lässt es ihren Traum vom krönenden Karriereabschluss womöglich platzen?
Sie hätte ihr viel beachtetes Comeback wohl gar nicht gewagt, wenn die Spiele - es sind bereits ihre fünften - nicht in Cortina d'Ampezzo stattfinden würden, ließ Vonn wissen. Dieser malerische Ort in den Dolomiten sei für sie eben ganz speziell, erklärte die älteste Weltcup-Siegerin der Alpin-Historie. Irgendetwas ziehe sie immer dorthin zurück. In diesem Fall womöglich auch ein bisschen Genugtuung. Ganz sicher aber die Gier nach Gold.

