
Gewalttat in Niedersachsen
Stade (dpa) - Einen Tag nach den tödlichen Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade richten die Ermittler eine Mordkommission ein. Wegen des Umfangs und der Komplexität des Tatgeschehens sollen die Ermittlungen in Kürze von der sogenannten MoKo übernommen werden, wie Staatsanwaltschaft und Polizei mitteilten.
Ermittler werten Hinweise aus der Bevölkerung aus
Bei der Gewalttat am Montag waren vier Frauen und zwei Männer getötet worden. Nach Behördenangaben handelt es sich bei den Opfern um zwei Frauen und einen Mann aus dem Raum Hannover, die als Mitarbeitende des Jugendamtes der Region Hannover in der Stader Jugendhilfeeinrichtung waren. Getötet wurden zudem zwei Frauen und ein Mann, die als Mitarbeitende der Stader Jugendhilfeeinrichtung vor Ort waren.
Die Ermittler werten nach eigenen Angaben Hinweise aus der Bevölkerung aus. Die Polizei bittet Zeuginnen und Zeugen weiter um Fotos und Videos, die im Zusammenhang mit der Tat stehen könnten. Material könne über ein eingerichtetes Hinweisportal hochgeladen werden.
Kommt der Verdächtige in U-Haft?
Der 45 Jahre alte mutmaßliche Täter ist in Polizeigewahrsam. Die Staatsanwaltschaft entscheidet im Laufe des Tages, ob sie einen Haftbefehl beantragt. Wenn dies wie erwartet geschieht, muss das Amtsgericht Stade noch heute entscheiden, ob der Mann in Untersuchungshaft kommt.
Berichte, nach denen der 45-Jährige Mitglied eines Clans sein soll, bestätigten die Ermittler nicht. «Wir haben derzeit keine Hinweise dafür, dass eine Clanzugehörigkeit besteht», sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft der dpa auf Anfrage.
Beamte schossen auf die Reifen des Fluchtwagens
Die Polizei hatte den tatverdächtigen Türken kurz nach der Tat festgenommen. Er versuchte mit einem Auto zu fliehen, das eine 65-Jährige fuhr. Beamte schossen auf die Reifen des Wagens. Nach derzeitigem Erkenntnisstand hat die Frau eine enge Verbindung zur Familie des Tatverdächtigen. Auch sie wurde nach Behördenangaben von der Polizei vernommen und befindet sich weiter in Polizeigewahrsam.
Ermittler suchen am Tatort nach Beweisen
Derweil läuft die Spurensicherung am Tatort weiter auf Hochtouren. Die Schüsse fielen in einem Backsteinhaus, das in einer ruhigen Wohngegend liegt. Nun ist die Lage anders: Die Polizei hat die Straße auf einer Länge von rund 200 Metern gesperrt.
Beamte des Landeskriminalamtes in Schutzkleidung vermessen den Tatort und fertigen spezielle Aufnahmen an. Auf der Straße sind Farbmarkierungen, eine kaputte Mülltonne liegt vor dem Haus. Zahlreiche Medienvertreter sind vor Ort. Der grausame Vorfall im beschaulichen Stade bekommt auch international Aufmerksamkeit.
Immer wieder legen Menschen Blumen ab oder stellen Kerzen auf
An dem Gebäude selbst sind von außen keine Beschädigungen zu sehen, wie ein dpa-Reporter berichtet. Bisweilen kommen Anwohner, die trotz Absperrung zu ihrem eigenen Haus dürfen.
Die Tat sorgt für große Bestürzung. Immer wieder kommen Menschen und legen in der Nähe des Tatortes Blumen ab oder stellen im Gedenken an die Opfer Kerzen auf. Die Straße soll voraussichtlich den gesamten Dienstag gesperrt bleiben.
Am Abend soll in der St.-Wilhadi-Kirche in Stade eine Andacht für die Opfer stattfinden. Angehörige, Betroffene sowie Bürgerinnen und Bürger sollen dort gemeinsam der Verstorbenen gedenken und ihre Anteilnahme ausdrücken können.
Beratungstelefon für akute Hilfe durch psychosoziale Berater
Während Ermittler am Dienstag weiter Spuren sichern, läuft auch die Hilfe für jene an, die zurückbleiben. Angehörige, Zeugen, Einsatzkräfte – viele Menschen haben am Montag schreckliche Dinge erlebt, die sich nicht einfach abschütteln lassen. Zahlreiche Menschen sind traumatisiert.
Niedersachsens Landesbeauftragter für Opferschutz, Thomas Pfleiderer, bietet Betroffenen Unterstützung an und lässt über ein kostenloses Beratungstelefon akute Hilfe durch psychosoziale Berater vermitteln. «Wir können nicht ungeschehen machen, welches Leid durch den Akt der Gewalt über so viele Menschen gebracht wurde», sagte Pfleiderer. «Wir können aber nach besten Kräften an der Seite der Betroffenen stehen.»
Was ist bislang über die Tat bekannt?
Zum Tatvorgang gibt es weiter viele Fragen. Aus ermittlungstaktischen Gründen sagte die Polizei bisher nicht, um welche Schusswaffe es sich handelt – oder wie der Täter an sie herankam. Eine Erlaubnis zum Besitz von Waffen hat der 45-Jährige nach Angaben der Behörden nicht. Demnach war er polizeilich bekannt. Laut Lüneburgs Polizeipräsidentin Kathrin Schuol galt er aber nicht als «absolut gewalttätig».
Die 34-jährige Mutter des Kindes und deren drei Monate alte Tochter – das Kind des Tatverdächtigen – blieben bei der Tat unverletzt. Die Polizei befragte die Frau, das Baby wurde in die Obhut des Jugendamtes übergeben.
Zahlreiche Politikerinnen und Politiker, Vertreter von Behörden und Einrichtungen zeigten sich tief bestürzt. «Die Nachricht aus Stade erschüttert bis ins Mark», schrieb Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf der Plattform X.


