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Schockierende Zahlen: Missbrauch im Erzbistum Paderborn
© Besim Mazhiqi / Universität Paderborn
(v. l.) Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz, Prof. Dr. Nicole Priesching, Reinhold Harnisch, Prof. Dr. Matthias Bauer und Dr. des. Christine Hartig.
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Schockierende Zahlen: Missbrauch im Erzbistum Paderborn

Eine neue Studie der Universität Paderborn zeigt erschreckende Zahlen zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum, das auch für den Kreis Soest zuständig ist. 210 beschuldigte Priester und fast 500 betroffene Kinder wurden für die Jahre 1941 bis 2002 dokumentiert.

Veröffentlicht: Donnerstag, 12.03.2026 18:30

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Sexueller Missbrauch im Erzbistum Paderborn

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Die Universität Paderborn hat heute (12. März 2026) ihre unabhängige Untersuchung zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum Paderborn vorgestellt. Für die Jahre 1941 bis 2002 dokumentieren die Forschenden 210 beschuldigte Priester und fast 500 betroffene Kinder und Jugendliche - deutlich mehr als bislang bekannt. Das Erzbistum ist für alle katholischen Gemeinden im Bistumsgebiet zuständig, darunter auch zahlreiche im Kreis Soest.

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Systematische Vertuschung und fehlende Hilfe

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Die Studie zeigt, dass viele Missbrauchsfälle durch die Bistumsleitung systematisch verschleiert wurden. Betroffene erhielten kaum Unterstützung, während Täter vielfach geschützt wurden. Prof. Dr. Nicole Priesching, eine der verantwortlichen Forscherinnen, beschreibt im Gespräch mit Hellweg Radio die Vertuschungsspirale:

„Zudem nahm Degenhardt in einigen Fällen Einfluss auf Betroffene und ihre Angehörige, auf Anzeigen zu verzichten. Insofern gingen viele Dechanten davon aus, stillschweigend von ihnen erwartet zu werden, ebenfalls Druck auf Betroffene auszuüben. Diese Vertuschungsspirale sorgte dafür, dass Betroffene den beschuldigten Priestern weiterhin ausgeliefert blieben.“
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Täter, die Reue zeigten, konnten trotz Verurteilung nach einiger Zeit wieder in der Gemeindeseelsorge, in Krankenhäusern oder Altenheimen eingesetzt werden. Eine Versetzung in ein anderes Bistum war ebenfalls möglich, so Priesching weiter. Maßnahmen gegen Beschuldigte während der Amtszeit von Erzbischof Jäger beschränkten sich meist auf Einzelkontaktverbote und unterschieden sich kaum von Sanktionen für erwachsene Beziehungen. Prof. Priesching berichtet:

„Am schlimmsten fand ich mal einen Brief von Jäger an einen Täter, in dem er (...) dann sein ganzes Mitgefühl in einem tröstenden, fast brüderlichen Ton mitgegeben hat. Da hab ich ein paar Nächte nicht schlafen können. Das hat mich wirklich umgetrieben. Wie kann man sowas schreiben und so reagieren?“
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Stimmen der Betroffenen

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Reinhold Harnisch, Sprecher der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn, betont im Gespräch mit Hellweg Radio die Bedeutung der Studie:

„Viele von uns haben darauf gewartet, dass auch die Wahrheit einmal dokumentiert wurde. Wir wissen ja, was wahr ist, aber uns wurde nicht geglaubt. Und ich denke, wir haben nicht nur ein Recht auf die Wahrheit. Die Aussagen der Studie geben uns einen Betroffenen ein Stück Würde zurück, die man uns über Jahrzehnte genommen hat. Dann kommt zum Thema Missbrauch dieser doppelte Missbrauch dazu - die Fortsetzung durch das Versagen der Institution. Das dauert bis heute noch an.“
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Aufarbeitung geht weiter

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Die Studie behandelt die Amtszeiten von Kardinal Lorenz Jaeger bis 1973 und Kardinal Johannes Joachim Degenhardt bis 2002. Ein zweiter Teil der Untersuchung, der die Amtszeit von Erzbischof Hans-Josef Becker von 2003 bis 2023 analysiert, soll im kommenden Jahr veröffentlicht werden.

Prof. Dr. Matthias Bauer, Präsident der Universität Paderborn, betont:

„Die Studie schafft wissenschaftlich fundierte Klarheit und gibt Betroffenen eine Stimme, die lange nicht wahrnehmbar war.“

Das Gutachten markiert einen wichtigen Meilenstein in der historischen Aufarbeitung, stellt aber keinen Abschluss dar - die Aufarbeitung des Missbrauchs im Erzbistum Paderborn geht weiter.

Autor: Ben Hettwer

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