
CDU-Debatte um Teilzeit erreicht den Kreis Soest
Soll das Recht auf Teilzeit eingeschränkt werden? Der Vorstoß aus dem Wirtschaftsflügel der CDU sorgt bundesweit für Diskussionen - und stößt auch im Kreis Soest auf deutliche Kritik. Vor allem Gewerkschaften warnen davor, die Lebensrealität vieler Beschäftigter zu ignorieren.
Veröffentlicht: Dienstag, 27.01.2026 05:53
CDU-Debatte um Teilzeit
Die Diskussion um das Recht auf Teilzeit hat in den vergangenen Tagen bundesweit für viel Aufmerksamkeit gesorgt - und beschäftigt auch den Kreis Soest. Auslöser ist ein Vorstoß aus dem Wirtschaftsflügel der CDU, der den bestehenden Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit einschränken will. Begründet wird das unter anderem mit dem Fachkräftemangel in Deutschland.
Kritik an sogenannter "Lifestyle-Teilzeit"
Nach Ansicht der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) der CDU arbeiten zu viele Menschen aus sogenannten Lifestyle-Gründen in Teilzeit. In einem Antrag an den CDU-Bundesparteitag im Februar fordert die MIT, den Rechtsanspruch auf Teilzeit nur noch gelten zu lassen, wenn besondere Gründe vorliegen. Dazu zählen etwa die Kinderbetreuung, die Pflege von Angehörigen oder berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung. Der Antrag trägt den Titel "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit".
DGB im Kreis Soest deutlich dagegen
Beim Deutschen Gewerkschaftsbund im Kreis Soest stößt dieser Vorschlag auf scharfe Kritik. Der DGB-Vorsitzende Holger Schild hält die Debatte für realitätsfern, wie er im Interview mit Hellweg Radio klarmacht:
"Teilzeit ist eine Form zu arbeiten die ist ganz normal und in bestimmten Situationen sinnvoll und gut. Wenn insbesondere Menschen wieder auf Vollzeit zurück wollen, sind es Arbeitgeber, die das nicht wollen und verhindern und dementsprechend einer Vollzeittätigkeit im Weg stehen. Und das Ganze jetzt als Lifestyle-Problem zu bezeichnen, ist an Dreistigkeit kaum zu überwiegen."
Schild betont, dass viele Beschäftigte sehr wohl mehr arbeiten würden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen würden.
Teilzeit im Kreis Soest unter Bundesdurchschnitt
Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Die Teilzeitquote im Kreis Soest liegt unter dem bundesweiten Schnitt. Während deutschlandweit zuletzt rund 40 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit gearbeitet haben, waren es im Kreis Soest etwa 28 Prozent, so die heimische Agentur für Arbeit. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Teilzeit-Beschäftigten zwar gestiegen, aber nicht so stark wie im Bundesdurchschnitt.
Gründe für Teilzeit oft nicht freiwillig
Nach Angaben der Agentur für Arbeit spielen beim Wechsel in Teilzeit verschiedene Faktoren eine Rolle. Dazu gehören der Wunsch nach mehr Work-Life-Balance, vor allem aber die Betreuung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen. In vielen Fällen ist Teilzeit keine freiwillige Entscheidung. Besonders häufig arbeiten Frauen in Teilzeit.
Fachkräftemangel und Gegenargumente
Der Wirtschaftsflügel der CDU argumentiert, dass unter den Teilzeit-Beschäftigten viele gut ausgebildete Fachkräfte seien, die dem Arbeitsmarkt fehlen würden. Zudem würden Teilzeitkräfte weniger in die Sozialkassen einzahlen, aber die gleichen Sozialleistungen erhalten. Der DGB hält dagegen und verweist auf strukturelle Probleme. Holger Schild sagt dazu:
"Jeder weiß, dass er, um Rente zu bekommen, auch einzahlen muss. Dazu muss man arbeiten, am besten Vollzeit. Es ist eine verschwindend geringe Zahl an Menschen, die sagen: Ich sitze lieber im Café und deshalb arbeite ich nur Teilzeit. Da geht die Diskussion am eigentlichen Problem komplett vorbei."
Recht auf Teilzeit aktuell klar geregelt
Im Moment jeder Arbeitnehmer in Deutschland grundsätzlich einen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit. Voraussetzung ist, dass das Arbeitsverhältnis bereits länger als sechs Monate besteht und das mindestens 15 Arbeitnehmer bei dem Betrieb arbeiten. Ob und in welcher Form dieses Recht künftig eingeschränkt wird, ist offen. Die Debatte dürfte Politik, Wirtschaft und Beschäftigte auch im Kreis Soest weiter beschäftigen.
Autoren: Friederike Umminger / Ben Hettwer